Text zu: Nachts kommen die Füchse

Unter dem Titel „Nachts kommen die Füchse“¹ zeige ich eine Serie von Bildern, die eine Welt für sich schaffen, eine Art Erzählung.

Dabei stellt sich die Frage, was eine Erzählung eigentlich ist oder sein kann. Braucht es unbedingt eine sich ganz klassisch entwickelnde Handlung mit Spannungsbogen? Oder tasten sich nicht die Episoden, Aneinanderreihungen von Ereignissen und Beobachtungen in ihrer losen Art viel authentischer an die Eigenartigkeit des Lebens heran?

Die Ereignislosigkeit an der Schwelle der Erwartung ist mit Spannung aufgeladen. Einer Spannung erzeugt durch die Erwartung dessen, was kommen mag, was sich jenseits des Wahrnehmbaren anbahnt.

Darstellungen passiver, in sich versunkener Menschen und einsamer Waldlandschaften treffen auf städtische, zivilisatorische Elemente, die, eigentlich alltäglich und banal, sonderbar deplatziert wirken und dadurch ihre praktische Bedeutung verlieren. Sie werden vielmehr zu Chiffren, die es zu entschlüsseln gilt. Immer wieder taucht der Hund als Motiv auf. Wie ein Schatten wandert er durch den Bildraum, wandelt ganz selbstverständlich durch private Räume. Ein kleiner Schoßhund und doch scheint der Betrachter nie so ganz zu wissen, was er im Schilde führt. Er wacht und beobachtet, tritt plötzlich aus dem Dunkel hervor.

Die Szenen beschreiben Schwellenzustände „wenn die Dinge für eine Weile noch unbestimmt sind.“² An diesen Rändern möchte ich mich bewegen. Dort, wo der scheinbar scharfe Schnitt fasrig wird, ausfranst, und die Fäden der entgegengesetzten Gewebe einander überlappen, in dem Gewirr ineinander übergehen – der dunkle Filz des Uneindeutigen.

Es ist das Zwischenreich des Paradoxen, das ich durchmessen möchte. Laut der französischen Philosophin Sarah Kofman beispielsweise verkörpert die (figurative) Kunst selbst schon einen paradoxen Zwischenzustand. Sie stellt nicht das Wirkliche dar, sondern „es handelt sich um ein Verschieben des Wirklichen, das in Schwebe versetzt wird“.³ Hier scheinen hintergründig solche Kräfte wirksam zu sein, dass sich Gegensätzliches durchdringt anstatt sich abzustoßen und in diesem Prozess ein neues Ganzes geformt wird. Dieses Ambivalente übt immer eine gewisse Faszination aus. In ihm scheinen sich die Dinge zu enttarnen, Gewissheiten werden in ihren Grundfesten erschüttert, Unsicherheit macht sich breit und der Keim des Misstrauens gegenüber dem vertrauten Weltbild drängt zum Hinterfragen festgefahrener Überzeugungen. Deswegen interessiert mich das Widersprüchliche so besonders: Weil es Auseinandersetzung provoziert. An seiner Uneindeutigkeit stößt sich unser Geist, kann sich daran reiben. Und diese Reibung ist es, die einen elektrisiert. Reibung setzt Energie frei. Daraus bezieht das Unklare seine Spannkraft. Deswegen gibt es keine knisternde Atmosphäre ohne eine gewisse Diffusität. Der Mensch ist es gewohnt, Dinge zu kategorisieren und einzuordnen. Um seine Umwelt zu verstehen, schafft er künstlich Ordnung, wo Chaos herrscht. Trifft er auf etwas, das sich dieser Prozedur verweigert, spürt er zwar die verschlüsselte Information, die mitschwingt, kann sie allerdings auf die erprobte Art nicht erfassen.

An dieser Stelle gilt es auch anzusetzen, will man den Ursachen nachspüren, warum es so schwer ist, über Dinge wie Kunst, den künstlerischen Schaffensprozess sowie das Leben ganz im Allgemeinen zu sprechen. Folgt man den Gedanken Novalis, lässt sich das Leben als Ganzes in seiner Unfassbarkeit „nicht in Aussagen, sondern nur im poetischen Ausdruck adäquat darstellen“⁴. Denn nur mit diesem kann es gelingen, „das Ganze zu begreifen, ohne es zu zerlegen“⁴. Auch Schlegel bekannte, [w]o die Philosophie aufhört, muss die Poesie anfangen“, während Nietzsche den „modernen Gelehrten“ als „allmächtigen Zwerg“ bezeichnet und meint „nicht die Wissenschaft, sondern die Kunst erfasst die unergründliche Tragik des Lebens angemessen“⁵.

Im Fluss des Malprozesses verschwimmen harte Grenzen. Auf dem mit verschiedenen Aspekten durchtränkten Leinwandgewebe geht vermeintlich Gegensätzliches ineinander über wie sich die Farben miteinander vermischen. Das Dichte offenbart sich als durchlässig, setzt es sich doch aus einer Vielzahl mehr oder weniger lasierenden Schichten zusammen, und in der so erzeugten Dunkelheit verlieren sich die ansonsten scharf umrissenen Formen. Es eröffnet sich ein Raum, der sich nur erahnend und erfühlend erkunden lässt.

Die Dämmerung schafft einen ebensolchen buchstäblichen Zwischenraum. Das unheimliche Weder-Noch der Malerei trifft hier auf die eigenartige, melancholische Stimmung der „blauen Stunde“ und der Entrücktheit des Schlafs. Der Dämmerzustand beschreibt einen Moment, der sich irgendwo zwischen tagheller Klarheit und nächtlichem Wahn bewegt und sich weder dem Schlafen noch dem Wachen zuordnen lässt. Dieses „Dahindämmern“ wird oft von der Langeweile provoziert, die schläfrige Apathie lässt den Boden unter den Füßen verlieren. Dem Melancholiker dürfte dieses Gefühl vertraut sein. Die Melancholie macht einen oft zu einem Grenzgänger. Man fühlt sich sowohl dem Leben als auch dem Tod verwandt und wandelt teilnahmslos durch den Alltag, in dem man verhaftet ist und der einem gleichzeitig unendlich fremd erscheint.

„GEHENDER MANN
Ich gehe, nicht wach und nicht schlafend,
ich gehe und werde leer
von allen Gedanken, von meinen Begierden,
von meiner Traurigkeit, von meiner Lebensfreude,
von meinen Geheimnissen und meiner Willenskraft,
von allem, was mich ausmacht –
[…]
DIE GEHENDEN
Unsere Beine lösen sich langsam von der Erde,
leicht schweben wir zwischen hier und dort,
zwischen Klarheit und Schlaf,
kurz noch, dann löst sich der Faden,
dann schweben wir und können alles sehn,
was sehen kann und sehn darf, wer im Traum geht -“⁶

„Nachts kommen die Füchse“¹ ist einer Erzählung des niederländischen Autors Cees Nooteboom entlehnt:

„[…] du sagtest, es gebe in jeder Nacht einen Moment, in dem du nicht mehr leben wolltest. Du hattest es ironisch sagen wollen, aber das gelang dir nicht. Du hattest Angst vor diesem Moment, weil du wußtest, er kam immer wieder. Ich hörte die Angst in deiner Stimme, mich täuschst du nicht. Damals nicht und auch jetzt nicht. Angst im Dunkeln. Und dann sagtest du etwas, das ich nie vergessen habe. Nachts kommen die Füchse. Einmal, als du noch ein Kind warst, hatte deine Großmutter das zu dir gesagt, und du hattest es immer behalten.“¹

Die Füchse selbst sieht man nicht, sie sind nur indirekt präsent. Aber man spürt instinktiv, wie sie einen lauernd umkreisen – vernimmt ein Rascheln im Unterholz hier, einen vorbeihuschenden Schatten da, während einem ihr hechelnder Atem in den Ohren rasselt. Vor dem Licht des Tages ziehen sie sich in die Tiefe zurück, um nachts empor zu kriechen und durch unsere Träume zu hetzen. Man fürchtet seine Füchse und bleibt ihnen doch verbunden.
Damit der durch die Nacht des Bewusstseins irrende Geist nicht den Füchsen anheimfällt, passt der Hund in seiner mythologischen Rolle als Grenzgänger und Wächter auf. Er vermittelt zwischen den Welten und führt einen durch die Dunkelheit, sodass man sich nicht in ihr verliert und den eigenen Füchsen ausliefert. Dennoch wird sich nur derjenige, der seinen Hund gut behandelt, auch seine animalischen Bedürfnisse respektiert und ihn nicht mit brutaler Härte zu formen versucht, auf ihn verlassen können.⁷

Gesamte Arbeit downloaden

1 Nooteboom, Cees: Nachts kommen die Füchse. Erzählungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2010, S. 142
2 Köhler, Andrea: Die geschenkte Zeit. Über das Warten. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel, 2011, S. 9
3 Kofman, Sarah: Melancholie der Kunst. Wien: Edition Passagen, 1986, S. 18
4 Große, Jürgen: Lebensphilosophie. Grundwissen Philosophie. Stuttgart: Reclam, 2010, S. 32f.
5 Ebd. S. 57
6 Grossman, David: Aus der Zeit fallen. Frankfurt am Main: Fischer, 2016, S. 80ff.
7 Hund, in: Ronnberg, Ami; Martin, Kathleen (Hrsg.): Das Buch der Symbole. Betrachtungen zu archetypischen Bildern. Köln: Taschen, 2011, S. 296ff.

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